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Leseprobe
Buchtitel: Abnehmen und Rangehen
Autor: Weigel, Johannes
Verlag: Bettina-Peters-Verlag
Erscheinungsjahr: 2006
ISBN: 3939691054
Ausschnitt: I. Teil

Susannes Welt

Dieser Text kann Spuren von Erdnüssen enthalten

Zwei helle und ein dunkles Ei. Das sind drei Eier, aber ich sehe nur zwei Hühner. Versteckt
sich eins irgendwo? Put put put ... Nein, ich glaube, es waren schon immer nur zwei.
Vielleicht ist ein Ei von gestern. Wenn man jetzt wüsste, welches? Die beiden hellbraunen
gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Das dunkle ist etwas größer, das ist sicher von dem
großen dunkelbraunen Huhn, und die anderen von dem etwas kleineren hellbraunen. Schon
schön, wenn man dem Frühstücksei das Huhn ansieht. Thorsten nimmt sich ja immer das
größte Ei zum Frühstück. So isser halt. Hat ja auch das größere Zimmer.
Die Eier sind schön. Gut, dass Eier keine Augen haben. Die Hühner sind auch schön, aber sie
gucken mich so böse an. Vor allem das große. Hat das denn gar keine Angst vor mir? Ich
verstecke mich hinter meiner Zeitung. Die ist auch von gestern. Die große Druckerei legt
große Zeitungen, die kleine Druckerei legt kleine Zeitungen. Die letzte Seite ist immer die
beste. Tödlicher Kuchen - Ein Junge mit Fischallergie erlitt einen tödlichen allergischen
Schock nach Verzehr eines Kuchens aus Eiern von Hühnern, die mit Fischmehl gefüttert
worden waren. Hurra! Das wär doch was für Thorsten mit seinen ganzen Allergien. Obwohl,
Fisch hat er glaube ich nicht. Egal.
Ich sitze in der Sonne und knabbere Erdnüsse. Erdnüsse würden gehen. Das ist ein komischer
Tag heute. Ich lege die Zeitung auf das weiße Blatt Papier auf dem Tisch. Gut, dass Blätter
keine Augen haben. Reicht schon, wenn mich die Hühner anglotzen. Was wollt ihr eigentlich?
Hier, nimm eine Erdnuss! Das dunkle Huhn stürzt sich sofort darauf und pickt sie auf. Gack
gack gack ... Hier, noch eine.

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Igeldiät

Dunkle Tannen. Grüne Wiesen im Sonnenschein. Warum ist Heidi eigentlich so dick, wenn
sie doch den ganzen Tag herumspringt und Energie verbraucht? Ich sitze den ganzen Tag
zuhause und sehe auch schon bald aus wie Heidi. Wahrscheinlich ist das einzige, was sich bei
dieser Bergwanderung ergibt, dass ich auch noch diesen bescheuerten Gesichtsausdruck
bekomme. Oh, Mann, Reinhard!
12 Kilo hat er gesagt, mehr sollte man nicht mitnehmen! Das hatte ich schon mit Klamotten
und ein paar Waschsachen zusammen. Naja, Reinhard hat jetzt halt das Zelt, die Isomatten,
Schlafsäcke, den Kocher, das Geschirr, einen Klappspaten und Feldflaschen. Lebensmittel
brauchen wir nicht, das finden wir alles auf dem Weg. Kann man alles pflücken, ausgraben
oder erschlagen, sagt Reinhard. Und wenn nicht, umso besser, schließlich wollen wir ja nicht
zunehmen bei unserer Tour. Das war mir als Konzept dann doch ein bisschen zu dünn, und so
habe ich schließlich ein paar Kleider herausgenommen und stattdessen Nudeln, ein paar
Fertigsoßen und zwei Flaschen Wein eingepackt. Außerdem noch Wechselklamotten für
Reinhard, immerhin sollte ich mit ihm das Zelt teilen. 14 Tage ohne Wechselsachen, kein
Wunder, dass der Kerl alleine lebt! Da wäre ich ja selbst zuhause ausgezogen, wenn ich seine
Mutter wäre!
„Probier mal, Susanne, wilder Thymian!“
„Mensch, dann brauchen wir nur noch Wasser und dann haben wir ja schon alles für eine
delikate Thymiansuppe zusammen!“
Obwohl, ich will ja nicht meckern, lecker ist der ja schon! Ganz anders als diese
Trockenkräuter, die alle nach Heu schmecken. Dazu einen Hasenbraten, oder alternativ
Spaghetti mit Tomatensoße, die müssten wir nicht vorher noch erschlagen!

„Wasser haben wir noch, und Salz habe ich auch dabei. Schau!“ Reinhard zog einen weißen
Klumpen aus der Innentasche seiner Jacke und leckte daran. „Bester Leckstein, davon hab' ich
noch 10 Kilo im Schuppen. Das reicht fürs ganze Leben, und wird ja auch nicht schlecht!
Probier mal!“
„Na, Du hast ja wirklich an alles gedacht, Reinhard!“ Ich freute mich schon auf meine
Tütensuppe heute Abend.
Als wir am Abend schließlich an einem klaren Bergsee unser Lager aufschlugen, waren die
Seitentaschen von Reinhards Rucksack mit einer Menge essbarer Dinge gefüllt, von denen ich
allerdings die meisten entweder nicht kannte oder bisher für nicht genießbar gehalten hatte.
Zur ersten Kategorie zählten einige Kräuter wie Gundermann und Pimpernelle, u letzterer
unter anderem junge Blätter vom Giersch sowie Bucheckern. An Schnüren und Leinensäcken
baumelten weiterhin büschelweise Minze, Sauerampfer und etliche Pilze von seinem
Rucksack. Das hätte ich mir ja auch alles eingehen lassen, vielleicht als Pilzragout mit
Kräutern und Salat aus Giersch und Bucheckern, hätte da nicht inmitten der ganzen veganen
Beilagen noch diese stachelige Hauptkomponente gelegen.
„Du hast den Igel tatsächlich mitgenommen! Du hast doch nicht vor, den zu essen, oder?“
„Was dachtest Du denn? Um ihn auszustopfen?“
„Naja, vielleicht um ihn zu beerdigen?“
„Bin ich ein Eichhörnchen, dass ich unser Abendessen vergrabe? So ein Igel ist früher eine
Delikatesse gewesen, in Lehm ausgebacken. Als meine Großmutter auf der Flucht war, war
das ein Festmahl, da wurde die ganze Familie von satt! Sie hat mir auch das Rezept erzählt!“
„Ich ess' das nicht! Wer weiß, woran der gestorben ist?“
„Der hatte einen Verkehrsunfall. Leider! Aber zum Glück hat es ihn nur so seitlich erwischt,
und der Fahrer hat sogar angehalten und ihn an den Straßenrand gelegt!“

„OK, Sherlock Holmes, ich esse so was aber trotzdem nicht. Die haben doch Flöhe und
Zecken und was weiß ich! Ich mach' mir eine Suppe!“
„Die Flöhe und so bleiben alle zusammen mit den Stacheln im Teig stecken, Du wirst schon
sehen. Du weißt ja nicht, was Dir da für eine Leckerei entgeht!“
Dann fing Reinhard an, mit dem Klappspaten ein Loch zu graben und die lehmige Erde auf
den Igel zu drücken, bis dieser nur noch ein klebriger runder Ball war. Ich sammelte derweil
auf sein Geheiß Reisig, Birkenrinde und trockene Äste, aus denen Reinhard anschließend in
seiner Grube ein Feuer aufschichtete. „Wenn wir eine Grube für das Feuer ausheben, können
wir besser unsere Spuren verwischen!“ Woran der alles dachte!
Während Reinhard seinen Igel auf der entstandenen Glut mit einem Stock hin- und herschob,
kochte ich mir eine Tomatensuppe mit frischem Thymian. Ich bot Reinhard auch davon an,
aber er wollte sich den Appetit auf den Igel nicht schmälern. Außerdem schmollte er wohl ein
bisschen, als er meine Essensvorräte sah. Das war mir aber egal, schließlich wusste ich jetzt,
wofür ich sie dabei hatte.
Als Reinhard nach fast drei Stunden endlich seinen inzwischen schwarzen Lehmball aus der
Glut nahm, hatte ich bereits einen Topf Tomatensuppe geleert, abgespült und im gleichen
Topf einen frischen Pfefferminztee aufgesetzt, wovon er sich am Ende auch eine Tasse
genommen hatte. Nachdem der Tee in eine Thermoskanne abgefüllt war, hatte ich aus
Langeweile in dem Topf noch ein Pilzragout zubereitet, bis Reinhard schließlich mit seinem
großen Klappmesser auf den verkohlten Ball klopfte und meinte, der Igel sei jetzt wohl
soweit. Erwartungsfroh begann er, mit dem Messer und einer Gabel den Lehmmantel
aufzubrechen. Ich öffnete derweil einen Wein und füllte meine leere Teetasse damit auf.
Welcher Wein passt zu Igel?
Tatsächlich waren die ganzen Stacheln im Lehm hängen geblieben, so dass am Ende nur ein
faustgroßer Klumpen Igelbraten übrig war, allerdings genauso verkokelt wie der Lehmteig
außenrum. „Igitt!“ murmelte ich, aber Reinhard ließ sich nicht stören. Fröhlich drapierte er
den Igelklumpen mit Pilzen und Kräutern auf seinem Teller und begann damit, das Tier
auseinander zu schneiden. Etwas mulmig schien ihm dann schon zu werden, als er sah, dass er
innen noch ganz rosig war. Ich gluckste ein bisschen, sagte aber nichts, sondern genehmigte
mir stattdessen einen Schluck aus meiner Tasse.
„Vielleicht hätte ich an das Bratenthermometer denken sollen!“ entfuhr es mir dann doch,
aber Reinhard meinte nur: „Der ist ganz köstlich, probier mal!“ und begann, von allen Seiten
Teile des Tierchens abzufitzeln. „Schön zart!“ So aß Reinhard nach und nach tatsächlich den
ganzen Igel ab. Die Pilze aß er auch auf und trank sogar einen Becher Wein, ganz gegen seine
Gewohnheit.
Doch dann ging's los. Er fasste sich an den Hintern und rannte in den Wald, ohne ein Wort zu
sagen. Ich wartete eine Viertelstunde, rief ihn ein paar Mal, trank noch einen Schluck
Pfefferminztee und machte mich dann auf die Suche. Mittlerweile war es dunkel geworden,
aber ich hatte eine kleine Dosenlaterne dabei, mit der ich mich auch in den Wald hineintraute.
Schließlich fand ich ihn: Er hatte seine Hose komplett heruntergezogen, aber wohl zu spät für
den urplötzlich angeschossenen Durchfall. Dann hatte er sich an einen Baum gelehnt, um sich
zu übergeben, aber inzwischen kam nur noch ein heiseres Krächzen und ein paar Tröpfchen
Galle und Magensäure. Er bot einen so elenden Anblick, wie er da auf halbnackt im
Waldboden kniete, sich mit einem Arm an einem Baumstamm abstützte und mit der anderen
Hand den Mund abwischte, dass ich erstmal die Laterne dimmen musste.
„Mein Gott Reinhard, was ist denn mit Dir los!“
„Lass mich sterben!“ keuchte er und würgte weiter.
„Ach, Reinhard, mein Igelchen, trink erstmal einen Schluck Pfefferminztee, der ist gut für den
Magen.“

Er sagte nichts, trank und kotzte weiter. Dann versuchte er mühsam, seine eingesauten Sachen
anzuziehen, aber ich hielt ihn davon ab.
„Jetzt zieh' Dich schon aus, die Sachen sind ja total vollgekotzt!“
„Susanne, es ist mir so un ...“ Wieder bekam er einen Würgeanfall.
Ich seufzte. „Lauf nicht weg, ich hole mal eine Plastiktüte!“
Als ich wiederkam, kotzte er immer noch.
„Hier, stopf Deine Sachen in die Tüte. Dann nimm mal das hier!“
Ich hatte ihm zwanzig Kohlekompretten in einem Glas aufgelöst.
„Das entgiftet!“ Er trank die schwarze Suppe und ergoss sie sogleich über sein Hemd.
„Du hast ja immer noch nicht alles ausgezogen!“
„Ich habe nicht einmal mehr Sachen zum Anziehen, Susanne!“ Jetzt weinte er fast.
„Jetzt komm erstmal mit, mein Stachelschweinchen!“
Ich hakte den nackten Reinhard unter und ging mit ihm zurück zum See.
„Du nimmst erstmal ein Bad, und ich lege Dir frische Sachen hin. Wenn sich der Magen dann
beruhigt hat, gibt's eine Brühe, wenn nicht, noch mal Kohlekompretten!“
Im Schein der Dosenlaterne sah ich Reinhards Augen glänzen. Etwas lag darinnen, das vorher
nicht da war. Wahrscheinlich hatte es mit mir zu tun. Später dann im Zelt hatte er sich sogar
bedankt! Ich war dann doch froh, als er endlich eindöste, so dass ich nur noch leise
schmunzelte, als ich ihn seine letzten Worte murmeln hörte: „Bei Pilzgerichten kann man sich
eben nie ganz sicher sein!“

Erdnüssen füttere. Wenn es nicht vorher an einer erstickt. Die meisten Aspirationen von
Kleinkindern erfolgen durch den Verzehr von Erdnüssen, habe ich mal gehört. Kinder sind ja
auch ein bisschen wie Hühner. Zumindest meine! Gack gack gack ...
Eine schwarze Katze schleicht durch den Garten und beobachtet die Hühner aufmerksam.
Jetzt beobachtet sie mich. Susanne ist Clip, gackern die Hühner und scharwenzeln um mich
herum. Die Katze guckt wie mein Schwiegervater, wenn er Verkehrspolizist geworden wäre.
Müssen mich denn heute alle so anglotzen als wäre ich ein brennendes Feuerwehrauto?
Das Telefon klingelt. Ich gehe nicht ran. Vielleicht ist meine Mutter gestorben, und ich
bekomme es nicht mit. Egal, mein Mitbewohner geht vor! Ich werfe dem dicken Huhn noch
ein paar Erdnüsse zu. Aspergillus flavus hurra! Das Telefon klingelt immer noch. Wenn ich
rangehe, hört es mit Sicherheit genau dann auf, wenn ich abnehme. Ach, ich beschäftige mich
schon viel zu lange mit Abnehmen. Und mit Rangehen. Wahrscheinlich ist es eh wieder nur
Spam. Spam Spam Spam ... Das Wort Spam materialisiert sich in meinem Zerebralsystem und
kommt als Pickel am Hals wieder heraus. Ich glaube, ich habe meine Tage. Ich schiebe die
Zeitung auf die Seite. Das Blatt Papier vor mir ist immer noch weiß. Scheiß Frühling!
Anmerkungen: