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Leseprobe
Buchtitel: Als ich Jane das letzte Mal sah
Autor: Pullinger, Kate
Verlag: DTV
Erscheinungsjahr: 2001
ISBN: 3-423-24155-1
Ausschnitt: Prolog
Audreys Vater tötete ihre Mutter bei einem Autounfall. Sie starb nicht sofort, sondern sieben Tage später im Krankenhaus. Genug Zeit für Audrey, von London
nach British Columbia zu fliegen und den Schaden selbst zu besehen.
Das Telefon läutete um sechs Uhr morgens wie ein durch den Raum geschleuderter Alarmruf. Draußen war es noch dunkel. Audrey hatte immer gewußt, daß der
Anruf kommen würde, während sie schlief; sehr schlechte Nachrichten kommen irgendwie immer nachts.
Der Unfall war so ruhig und nüchtern verlaufen, wie ein Autounfall nur verlaufen kann, ganz langsam, so daß Metall und Chrom keinen Schaden genommen hatten.
Früher war Audreys Vater einmal ein ausgezeichneter Fahrer gewesen, hatte die Bergpässe und schmalen Straßen zu ihrem Wohnort im Griff gehabt, auch wenn
der Schnee sich im Winter übermannshoch türmte, doch seit seinem Eintritt in den Ruhestand hatten Sehschärfe und Reaktionsvermögen nachgelassen. Jetzt
hockte er oft seitlich zusammengesackt vor dem Steuerrad, als lenke er nicht ein Auto, sondern säße vor dem Fernseher. Audreys Mutter machte sich Sorgen,
daß er eines Tages in den Gegenverkehr hineinfahren würde. Doch er fuhr weiter Auto, und sie ließ es zu; es hätte ihn zu sehr verletzt, nach all den Leidenschaften,
die ihm im Alter entglitten waren, nun auch dies noch aufgeben zu müssen.
Beim Packen fiel Audrey ihr letzter Besuch bei den Eltern ein. Statt direkt nach Victoria zu fliegen, hatte sie die Fähre vom Festland über die Georgia
Strait nach Vancouver Island genommen. Sie hatte einen Adler gesehen, der über Maine Island den Luftstrom über dem Active Pass durchglitt - der Anblick
war ihr ungemein vertraut vorgekommen, obgleich sie die Fähre vor Jahren zum letzten Mal benutzt hatte. Unwillkürlich hatte sie an Jane denken müssen.
Tatsächlich war sie sogar erschrocken zusammengefahren, als sie beim Blick aus dem Fenster eine Schwangere an der Reling stehen sah. Aber natürlich war
das nicht Jane gewesen. Die Fähre hatte angelegt, und sie war befrachtet mit gemischten Gefühlen und Liebe die überdachte Rampe entlang auf ihre Eltern
zugegangen. Sie hatte sie im Gedränge der Wartenden ausmachen können. Sie hatten winzig ausgesehen, als wären sie durch den Alterungsprozeß zusammengeschnurrt
und in Folie eingeschweißt worden. O Gott, hatte Audrey gedacht, das Alter. Kann es etwas Unerwarteteres, etwas Schwierigeres geben?
Ihre Mutter war jedoch nicht in einer falsch eingeschätzten Kurve ums Leben gekommen. Audreys Eltern waren abends mit einer Gruppe von Freunden zum Essen
ausgegangen, Paaren, die wie sie selbst seit Jahrzehnten verheiratet waren, und die verwitweten Überbleibsel von Paaren, die sich tapfer anschlossen. Sie
hatten chinesisch gegessen, und alle Männer hatten Witze gerissen, nun müßten sie bald nach Hause, um eine richtige Mahlzeit zwischen die Zähne zu bekommen.
Als sie das Restaurant wieder verließen, hatte Regen eingesetzt, und so gingen die Männer die Autos holen, während die Frauen vor der Nässe geschützt im
Foyer warteten. Als Audreys Vater ihr zu erklären versuchte, was geschehen war, sagte er: »Der verdammte Regen, die Luft roch nach Meer, frisch, und da
war ein Vogel - ein Reiher -, der in einer Pfütze auf dem Parkplatz stand.« Audreys Vater fuhr mit dem Wagen dicht an den Bordstein heran, damit »die Mädels«,
wie er sie nannte, »nicht weit zu laufen brauchten.« Als er sich dem Eingang näherte, kam ihm die kleine Gruppe von Frauen entgegen, seine Frau, Audreys
Mutter, voran. Er wollte auf die Bremse treten - das erzählte er sehr präzise, als würde die Sache irgendwie dadurch besser, daß er die Reihenfolge der
Ereignisse korrekt darstellte -, doch er war so ungeschickt geworden, er hatte seine Bewegungen so wenig unter Kontrolle, daß sein Fuß aufs Gaspedal abrutschte
und der Wagen nach vorn hüpfte, auf den Bürgersteig hinauf, wo er Audreys Mutter zu Boden warf und ihr, die halb auf dem Randstein zu liegen gekommen war,
mit einem Rad über Unterleib und Brust rollte, mit einem Geräusch - ihr schwacher Schrei und das Gewicht des Wagens auf Fleisch und Wolle -, das sowohl
gedämpft als auch klar klang. Ihre Freundin Dorothy Jones - Dorothy Jones, hatte Audreys Vater früher immer gesagt, so bekloppt wie ein Softballteam -
wurde angefahren, sie fiel hin und brach sich die Hüfte. Die anderen Frauen traten zurück und stürzten dann vor, schlugen schreiend und gestikulierend
auf die Windschutzscheibe des Wagens ein.
Als ihm klar wurde, was da passierte, in jenem langgedehnten Moment, als seine Frau verschwunden war, erlitt Audreys Vater vor dem Steuerrad einen Herzanfall.
Der war zwar nur leicht, verschlechterte seinen Zustand aber noch weiter.
Aufgrund der Schnelligkeit und Effizienz der Ambulanz brauchte Audreys Mutter zum Sterben sieben Tage. Die Schwestern legten das Paar ins selbe Zimmer -
Audreys Vater an einen Herzmonitor, ihre Mutter an ein Beatmungsgerät, wo Kabel, Schläuche und Verbände jeden Zentimeter ihres gebrechlichen Körpers bedeckten,
ihres alten Körpers mit der liebenswert faltigen Haut. Sie mußten ihr das Haar scheren, ihr sauberes, weißes Haar, das ihn, wie er sagte, an Schnee erinnerte,
an verschneite Bergpässe, unbetretenen Schnee, unberührt; jahrelang hatte sie es blond gefärbt, bevor sie dieses Weiß, diesen schimmernden Vorhang, ihrem
Mann enthüllte, der seiner Tochter gestand, er liebe sie dafür nur um so mehr. Audreys Vater erholte sich körperlich gesehen recht schnell von dem Unfall.
Drei Tage saß er da und schaute seine Frau an, beobachtete ihren vom Atemgerät getriebenen Atem. Das Krankenhauspersonal brachte es nicht über sich, ihn
von ihrem Bett zu entfernen. Seine Frau erlangte das Bewußtsein nicht mehr wieder, nicht einmal, als Audrey, ihr einziges Kind, eintraf. Audrey sah ihren
Vater an und wünschte, ihre Mutter könne sprechen, sei es auch nur, um ihm zu vergeben. Doch das geschah nicht.
Als ihre Mutter starb - in der Nacht, in der Audrey ihren Vater zum ersten Mal nach Hause gebracht hatte -, faßte Audrey mit ihrem Vater zusammen den Plan,
ihn einsperren zu lassen. Es ging nicht um einen straf- oder zivilrechtlichen Prozeß - Dorothy Jones' Familie war wegen der gebrochenen Hüfte verärgert,
hielt Mr. Robbins jedoch für ausreichend gestraft -, aber Audreys Vater wollte nicht allein in dem Zuhause weiterleben, das seine Frau ihm geschaffen hatte.
Er wollte in eine Anstalt gehen, in ein Altenheim, »ein billiges«, sagte er, womit er meinte, schaff mich bitte ins Gefängnis. Audrey entdeckte, daß der
Standard der Altenpflege im Süden von Vancouver Island ausgesprochen hoch war, möglicherweise der höchste der Welt, und das Heim, das Mr. Robbins schließlich
aufnahm, war so behaglich, wie ein Heim voll alter und einsamer Menschen nur sein kann. In einem seiner letzten lichten Momente trug Audreys Vater ihr
dann auf, sie solle nach London zurückgehen, zu ihrem Leben dort zurückkehren und ihn vergessen, sie solle so leben, als sei auch er schon tot.
Und so kehrte Audrey nach London zurück, erschüttert und von Kummer geschüttelt. Sie lebte schon seit vielen Jahren in London, Jahre, die wie ein einziger
Augenblick vergangen waren. Für sie war London ein Ort, in den sie tief einsinken konnte, in dem sie alles versenken konnte, ohne doch zu ertrinken. Als
sie Kanada das erste Mal verließ, war es ihr einfach erschienen, ihre Herkunft komplett zu vergessen. Und nachdem sie nun ihre Mutter begraben und ihren
Vater eingesperrt hatte, glaubte sie, das Vergessen sei vollständig.
Doch nachts, wenn Audrey schlief - mit oder ohne Mann im Bett -, träumte sie von ihren Eltern, sie träumte von British Columbia. Sie träumte von ihren lange
zurückliegenden Studienjahren an der Universität in Vancouver, von ihrem bloßlegenden, verschlingenden, ihrem fleischfresserischen Verlangen nach der Vergangenheit.
Auf drei Viertel des Weges hatte sie ihr Geschichtsstudium abgebrochen. Damals war das Aussteigen kein Versagen gewesen, sondern eine Befreiung. Danach
hatte sie Kanada verlassen und war nach London gezogen wie ein verlorenes Lamm des britischen Weltreichs, das in seinen Stall zurückkehrt.
Und jetzt träumt Audrey von James Douglas. In diesen Träumen folgt sie James auf seiner Reise. Das Wasser schlägt gegen die Wände seines Schiffs. Es ist
das Jahr 1819.
James Douglas hatte es eilig, von Lanarkshire wegzukommen, seinen Vater und die Familie seines Vaters hinter sich zurückzulassen und die Neue Welt zu betreten,
ein riesiges, unbekanntes Gebiet, von dem er in der Schule gelesen hatte. Für den Sechzehnjährigen hatte Schottland nichts zu bieten als die ständige Erinnerung
an das, wovon er ausgeschlossen war, was zu sein ihm verwehrt war. Keiner winkte ihm nach vom Hafen in Liverpool. Er stand auf der landabgewandten Seite
des Schiffs und schaute aufs Meer hinaus. Die Schiffsreise sollte von Nord nach Nord gehen, der Atlantik war grau und kabbelig, als Land und Sommer dem
Blick entschwanden. Nachts in seinem Schiffsbett kam ihm eine andere Seereise in den Sinn, die er zehn Jahre zuvor gemacht hatte. Diese erneute Auswanderung
entsprang seinem eigenen Willen. Er verließ Großbritannien auf der Suche nach einem weniger verbrauchten Ort.
Nach vierwöchiger Atlantiküberquerung durch wogende Stürme und dunstige Flauten erreichte das Schiff Neufundland und segelte an Cape Breton vorbei durch
die Cabot Strait in den St.-Lorenz-Golf. Die Fahrt verlief ohne Zwischenfälle. Eines Morgens erklärte der Kapitän Douglas, sie wären in den St.-Lorenz-Strom
eingefahren, doch der junge Passagier begriff nicht, wo er nun eigentlich angekommen war, denn der Strom war so breit und die Flut drang darin so weit
vor, daß weder das nördliche noch das südliche Ufer zu erkennen waren. Als die Ufer dann schließlich doch in Sicht kamen, wirkte das Land fremdartig und
wild; wo der Wald zu dem meerähnlichen Fluß hinunterkam, verschoß er ein Sperrfeuer von Farben, denn die Blätter waren in viel mehr Schattierungen von
Rot und Gold herbstlich verfärbt, als James sich je hätte vorstellen können. Einige Tage später erblickte James durchs Fernglas kleine, tief im Wasser
liegende Boote, die von Menschen, die er für Indianer hielt, dicht am Ufer entlanggepaddelt wurden. An anderen Tagen war Meile um Meile nichts zu sehen,
kein Hinweis auf Menschen, keine Lücke im Baumbewuchs.
James, James Douglas, war auf dem Weg nach Westen, so weit nach Westen, wie er nur kommen konnte, ohne vom Festlandsockel in den Pazifik zu fallen. Für
diese Reise würde er viele Jahre benötigen, und an ihrem Ende würde er völlig neu entstanden sein, nicht ein Zoll seiner Haut, nicht ein Haar seines Kopfes,
nichts von seinem früheren Ich würde bleiben. Nicht ein Fitzelchen des jungen Kerls, der er hätte sein können.
Audrey wußte nicht, warum sie jetzt von James Douglas träumte, warum er aus den Büchern und Unterlagen, die sie vor Jahren an der Universität gelesen hatte,
zu ihr zurückgekehrt war. Doch er war zurückgekehrt und würde eine Weile bei ihr bleiben, und sie sah ein, daß sie sich wohl besser daran gewöhnte.
Anmerkungen: