| Buchtitel: | April, Mai, Juni - Erzählungen vom Frühling |
|---|---|
| Autor: | Howard, Maureen |
| Verlag: | DTV |
| Erscheinungsjahr: | 2004 |
| ISBN: | 3-423-24394-5 |
| Ausschnitt: | Kinder mit Streichhölzern »Welche Kraft liegt in einem Geschenk, daß es den Beschenkten zur Gegengabe zwingt?« Marcel Mauss, Die Gabe Töne Karpfen - flirrendes metallisches Orange, nicht Gold. Ihre Bewegungen, ein reizvoller Anblick wie die Sumpfgräser, die sich am Rand eines Zierteichs wiegen. Natürlich, so überaus natürlich arrangiert. Die Karpfen sind die Idee von George Baird, Präsident der Baird Bank and Trust. Er hat den Teich ausheben, die Betonwände so verputzen lassen, daß sie wie Felsen und verwitterte Spalten wirken. Er glaubt, daß seine Karpfen alt sind, daß ihn seit zwanzig Jahren derselbe Schwärm unterhält, schillernd wie Tänzerinnen im Nachtclub drüben in Troy oder reglos schwebend wie ihre goldenen Ebenbilder auf einem japanischen Paravent. So vielseitig sind seine Fische. George Baird sitzt draußen am Fischteich, in Wolldecken eingewickelt. Er wird bald sterben. Der Tag strahlt mit vorfrühlings-hafter Wärme, daher hat der Arzt den Ausflug gestattet. Baird hat die Schwester zurück ins Haus geschickt. Mit kraftloser Geste hat er um eine Tasse Tee gebeten. Endlich von ihrer Fürsorge befreit, bewegt er den Rollstuhl mühsam näher ans schwarze Wasser, um seine Schätze besser zu sehen, denn sie sind aus der Winterstarre erwacht. Im Winter nehmen die Karpfen keine Nahrung zu sich. Bankier Baird, wie ihn die Fabrikarbeiter früher nannten, nimmt keine Nahrung zu sich. Der Geschmack von Milchtoast und Brei ist ihm zuwider, Schonkost, verfüttert am Anfang des Lebens und am Ende. Das Fleisch hängt bleich und wund von seinen Knochen, auch wenn er so sorgsam verschnürt ist, daß nur eine krampfartig zuckende Hand und der knollige Kopf unter dem feschen Fedora-Hut zu sehen sind. Die Vorarbeiter und Ingenieure, die in sein Büro kamen, Mütze in der Hand, kannten ihn als breiten Schrank von einem Mann mit buschiger Mähne, der ihre Rückstände bis zum nächsten Zahltag schob. Er kannte einen als Franzmann, Polen, Iren. Am Sonntag fuhr man mit Frau und Kindern in der Straßenbahn zu Bairds Anwesen raus - ein ordentlicher Fußmarsch nach der Endstation - und picknickte auf seinem Land. Die Leute hatten das Gefühl, daß er einer von ihnen war - daß er sich eingeknöpft in den Kammgarnanzug, der an Schultern und Bauch spannte, unwohl fühlte, daß er auch einmal von seiner Hände Arbeit gelebt hatte. Denkwürdig der schmerzhafte Händedruck, mit dem er einem die erste Hypothek gewährte - auf das kleine Grundstück in der Stadt, das man stolz bebauen würde. Der Ring mit Diamanten so groß wie die Scheinwerfer seines Tourenwagens war ein Affront gegen die Unternehmer und die Anwälte, die in Williams und Harvard studiert und ihre Yankeeschläue fürs Geschäft verloren hatten. Sie kamen auf Einladung in seinen Prachtbau draußen, wo es keine Bürgersteige und Kanalisation gab. Die Telefon- und Stromleitungen allerdings reichten aufgrund einer Vereinbarung, nennen wir es Vereinbarung, sehr wohl bis in seine Welt. Er spendete für die Freie Gemeinde, aber ihre weißgetünchte Kirche betrat er nie. Mit heiserem Baritonlachen störte er das frömmelnde Flüstern der Geldscheine, die in den mächtigen Hallen seiner Bank gezählt wurden. Von seinem Platz am Teich kann George Baird das große Haus nicht sehen. Er hat gebeten, so gut er es vermochte, mit dem Rücken zu dieser Investition in Schindeln, Kalk und Backstein aufgestellt zu werden. Sein Sohn wohnt jetzt dort mit dieser Gans, einer engherzigen Spießerin, und ihren zwei Mädchen, lily und Rose. Sie haben alles in Besitz genommen, die Räume angefüllt mit ihrer Unzufriedenheit. Die sauertöpfische Frau putzt und wischt und schrubbt. Kein Personal außer der Krankenschwester, Miss Arschwisch, dieser Nervensäge. In den mächtigen Backsteinfabriken und Papiermühlen am Ufer des Housatonic hat er schon begonnen, der nächste Konjunkturrückgang, wie will sein Sohn das überleben? Sein zweiter Sohn, der kaum mehr kann als ein Schalterbeamter, ein schwacher, ausweichender Mann, der nichts von dem religiösen Ehrgeiz seiner Frau hat. Wenn der Patriarch Worte hätte, wenn er mehr als ein paar klumpige Laute ausspucken könnte, würde er sagen: Nicht schließen. Zum Teufel, Junge, ich habe in der großen Depression von 1907 auch nicht zugemacht. Und als es wieder aufwärts ging, habe ich dieses verdammte Haus gebaut, an dem dir nie was gelegen hat. Seine Erinnerung ist so klar wie der Himmel über ihm, daran, wie er das große Haus samt Gärten und Stallungen für seinen ersten Sohn baute. Der Teich sollte ihm wäßrige Unterhaltung sein, dem müden Soldaten aus dem Großen Krieg. Hatte der tapfere Bursche nicht immer den größten Fisch entdeckt - den geschmeidigen schillernden Anführer des Schwarms, auch wenn der Koi mit den biegsamen Flossen sie alle abhängen konnte, davongleiten ohne ein Kräuseln. George Baird plante eben den Tennisplatz, als sein Goldjunge 1919 an der Spanischen Grippe starb. Was für ein Umtrieb in den Wasserpflanzen, in denen sich seine exotischen Karpfen tummeln. Die Weibchen legen ihre Eier. Er wird es nicht mehr erleben, daß sie schlüpfen. Er wird nicht mal mehr das tröstliche Konzert der Frühlingschorfrösche erleben, fürchtet er. Ein Lichtfleck, die anmutige Schwanzflosse des seltenen Koi; arroganter Bursche, ganz wie die goldenen schwerelosen Fische in den stillen Wassern seines japanischen Paravents, den diese Frau weggeklappt hat, mit verstümmelnd christlicher Geste, diese Frau (er tut so, als wisse er nicht mehr ihren Namen), die Frau, mit der sein Sohn verheiratet ist, der Schalterbeamte. Nicht die schimmernden Fische betrachtet sie als sündhaft, sondern die verführerischen Pinselstriche des heidnischen Malers, sein Boot voller schöner Mädchen, die sich, in bestickten Kimonos posierend, ihr herrliches Haar frisieren. Das leise Klatschen, Plätschern von Wasser gegen Beton nach einer leichten Bewegung im Schilf, und in der Ferne das Krachen von Ästen, sein Sohn, der im Wald arbeitet, sich einsame Wege bahnt. George Baird macht sich die Tageszeit bewußt - es ist mitten am Nachmittag. Die Bronzetore seiner Bank werden vor den unglücklichen Kunden verschlossen. Sein Sohn sollte dort sein, sich um das verzweifelt wichtige Geschäft kümmern, anstatt seinen Kindereien nachzugehen. George Baird, Direktor der bankrott gehenden Bank, kann doch am Ende - er weiß, daß sein Ende nahe ist - nicht alles diesem Waldgänger überlassen, der eine Traubenkirsche nicht von einer Esche unterscheiden kann, der sich mit einem silbernen Bleistift Notizen zum Unkraut am Boden macht - Stinkkohl, Labkraut, Sommerwurz. Und dann diese ewig wiederholte Melodie, die Enkelinnen sind von der Schule heimgekommen, das dürre Mädchen Rose spielt, die knochigen Schultern über das Spinett gebeugt, Tonleitern rauf und runter, ein braves da-didel-dum-dum, diddli-da, seine unerträgliche tägliche Strafe. Bankier Baird, der eherne Geschäftsmann, ist nie für Kunst anfällig gewesen, das Spinett in der Halle hat er als Mobiliar gekauft, 1910, zusammen mit dem Limoges seiner Frau, dem Teeservice von Tiffany, den Eßzimmermöbeln aus Mahagoni. Im gleichen Jahr erwarb er den japanischen Paravent, den einzigen Gegenstand, an dem ihm etwas lag. Nachmittag. Ein langer Schatten wandert über den Rasen, der Turm seines Hauses holt einen alten Mann ein, fährt ihm kalt in die Knochen. Wie oft war seine Frau die enge steile Hintertreppe hochgestiegen zu der überflüssigen Rotunde, im Winter frierst du dir bloß die Titten ab, im Sommer kommst du um vor Hitze. Zum Lesen. Zum Nähen, beharrte sie. Verschwinden wolltest du, Miss Nasehoch. Vor ein paar Jahren ist sie dann endgültig verschwunden, zur Ruhe gebettet in der Gruft ihrer Familie, einem schnörkeligen Puppenhaus des Todes. George Baird hat bestimmt, daß man seine Überreste ohne Grabstein in neuenglische Erde steckt. Da-diddli-da-da, diddli-dum-dum. Seine Karpfen schillern jetzt, spreizen die Flossen wie im Revuetheater. Mit dem guten Arm rollt er sich näher heran, näher, den abschüssigen Rasen hinunter in den Matsch hinein, als wolle er mitmachen bei ihrem Spiel, pißt sich vor Freude in die Hose. Er hat sich immer gefragt, wie sie schlafend überleben, ohne Nahrung in der Kälte oder im Schlamm vergraben in einer Trockenperiode. Er hört die Totenglockenschritte der Krankenschwester auf dem Kies, das Klappern von Tasse und Untertasse, das Rascheln der gestärkten Schürze, doch einen Augenblick hat er noch für sich und kann die unvermittelbare Botschaft murmeln, ein Gurgeln von u-a, i-i - Du darfst nicht schließen. Dum-diddli-dum. Diddli-dum-dum. Rose hat die Seite umgeblättert, setzt ihre Czerny-Etüden fort. Lily, die einfältige Nudel, malt wieder ein Bild für Opa aus, rot für den Königsmantel, gelb für die Krone. Dum-dum-diddli-dum. Im Wald - tock, tock - der Bruchteil einer Sekunde Stille zwischen dem Schlag und dem Aufprall am Boden. Und dann piep, piep, piep, piep, der erste liebliche Froschgesang des Jahres, aber es ist das anhaltende Schweigen der Fische, nach dem es den alten Mann verlangt, jetzt, da er ohne Worte ist. Im Jahre 1907 gab das Berkshire Clearing House Interimsaktien als Notwährung aus. 1933, als der Schnee auf dem Monument Mountain nicht schmelzen wollte, wurden wieder Interimsaktien ausgegeben, ohne jede Absicherung außer dem verzweifelten Glauben der Stadt an Bankier Bairds Sohn. Es war Frühling, und Julian lauschte dem wilden Balztanz der Waldschnepfe in der Dämmerung, dem Rascheln des Rotfuchses beim Verlassen seines Winterlagers, er hörte die lallende Order seines Vaters nicht, und doch stand Julian gerade für jeden einzelnen Schein des seltsamen Geldes. Er schloß die Bank nicht. Kinder mit Streichhölzern Spukhaus. Reizvolle Gefahrenquelle. Die Kinder aus der Nachbarschaft kümmert das Knallen schiefer Fensterläden, das Vorhangflattern in leeren Höhlen nicht mehr. Das ist kein Kick für sie, da sind sie anderes gewöhnt. Spukhaus, reizvoll nur für mich. Wind heult durch den Kamin, Aprilschauer schießen aus Dachrinnen - oder was davon übrig ist. Holzameisen arbeiten sich durch die baufällige Veranda, mahlen lautlos, unaufhörlich Berge pulverisierten Verfalls. Ich bin im Turm, wo mein Prinz mich finden wird. Ja, so eine Geschichte mit einem Prinzen ist das. Falls er mich finden möchte, wie ich hinuntersehe von meinem bescheidenen Ziegeltürmchen, das für mich als Kind mein Turm hoch über wogenden Feldern und Wäldern war - dem Familienbesitz. Es war einmal... Damals war dort, wo einst die Remise gestanden hatte, blanker Steinboden den Elementen ausgesetzt. Kinder mit Streichhölzern. Die verkohlte Ruine hatte man abgetragen. Ich suchte zwischen den Pflastersteinen nach Schätzen - alten Glasscherben, geheimnisvollen Messingteilen. Was wußten sie schon, zwei alte Frauen, die mich im düsteren Turm gefangenhielten ? Wie konnten sie etwas wissen hinter ihren verriegelten Türen, den herabgelassenen Rouleaus, und dann Kinder mit Streichhölzern bezichtigen? Das einzige böse Kind weit und breit war ich. Die Pferde waren schon lange vor ihrer Zeit verschwunden, Dobbin und Rascals, die glanzvollen Namen kramten sie mühsam für ein mürrisches Mädchen hervor, dagegen erinnerten sie sich an jedes Auto, das aus der Remise fuhr, genau - an den Auburn, den DeSoto, den dunkelgrünen Lincoln mit den ovalen Fondfenstern. Was interessierte mich das, ein Kind, das sie einen Frühling lang am Hals hatten, ihre großartige Garage war mir egal und auch die elegante Portecochere, die über der Ausfahrt aus der Fassade ragte, bei längeren Wartezeiten vor der brennenden Sonne schützte. Oder vor leichtem Frühlingsregen, weißt du noch? Alte Jungfern, die im Glanz vergangener Tage schwelgen. Pfingstrosen an der Pagode. So etwas sagte Lily. Am Geräteschuppen. Die Korrekturen kamen dann von Rose. Noch mehr Kinder mit Streichhölzern, denn das Haus stand jetzt allein da, ohne Nebengebäude. Als ich das erste Mal in den Turm gesperrt wurde, erkannte ich mit einem Blick, daß es in dem weitläufigen Garten kein Versteck gab. Jetzt bin ich wieder in der zugigen Kammer oben und lausche auf ein Quietschen der Angeln, ein Knarren der Stufen. Kein Versteck, wenn er kommt, der Mann, den wachzuküssen ich beschlossen habe. Kein runzliger Froschkönig - glaub mir, er ist schön und glatt. Du findest ihn vielleicht zu alt, um mein Liebhaber zu sein. Als Kind wurde ich Marie Claude genannt. Von unten hörte ich ihren aufgeregten Singsang: »Marie Claude! Marie Claude!« -das Zwitschern der Wesen, die mich im Turm gefangenhielten. Am Ende würde ich vielleicht zum Essen hinuntergehen, ohne zu schmollen, ohne daß eine von ihnen, Lily wahrscheinlich, die Dicke mit Ketten und Schals, pustend und prustend zu meiner Zelle heraufsteigen mußte und sich am niedrigen Türsturz den Kopf anschlug. Am Ende schon, aber erst mal zog ich strafend die Brauen zusammen, voll Verachtung für die Betonpfütze auf dem braunen Rasen und das schwarze Gestrüpp des Waldes. Im Osten, belehrten mich die beiden, lagen der nunmehr trockene Fischteich und im Westen Daddys Forstweg, so unterwiesen sie mich in ihrer geheiligten Geographie. Im Westen brannte sich die Sonne ihren Weg durch die Pechkiefern und Birken, wo im Schatten letzte Schneebuckel an Blätterhaufen klebten. Hinter dem Wald stieg weißer Rauch auf, waberte vor dem glühenden Ende des Tages, und ach! - wenn ich nur auch vom Wind weggetragen würde, mich auflösen dürfte in dünner Luft. |
| Anmerkungen: |